3.1 Vergleich: der Petersburger Beitrag und die Euler-Opera-omnia
1 Vergleich: der Petersburger Beitrag und die Euler-Opera-omnia
Die Handschriften Keplers und Eulers lagen seit dem 18. Jahrhundert in derselben Institution, der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg (KGW 22, S. 523; Kleinert 2024, Abschn. 2). Beide Editionen des 20. Jahrhunderts mussten ihr Material von dort beschaffen. Der Vergleich stützt sich für Euler auf Andreas Kleinerts Darstellung der Euler-Briefedition (Kleinert, Typoskript 2024), für Kepler auf die Einleitungen der KGW-Bände 1 und 22 und auf die Münchner Kepleriana.
1.1 Euler als Gutachter des Kepler-Ankaufs
Die beiden Geschichten verbindet eine Person: Leonhard Euler erstellte 1773 das Gutachten, das den Kauf des Kepler-Nachlasses durch Katharina II. einleitete (KGW 22, S. 523). Caspar schreibt, der Nachlass sei „durch kluge Vermittlung Leonhard Eulers nach Rußland gewandert“ (KGW 1, S. IX). Eulers eigener Nachlass blieb nach seinem Tod 1783 im Archiv derselben Akademie.
1.2 Die Gründung der Kommissionen
Die Eulerkommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft trat am 24. November 1907 zu ihrer ersten Sitzung zusammen; Ferdinand Rudio schrieb damals, auch der Briefwechsel müsse „soweit möglich, vollständig aufgenommen werden“ (Kleinert 2024, Abschn. 1). Der erste Band der Opera omnia erschien 1911, bis 1914 folgten zwölf Bände (Kleinert 2024, Abschn. 1). Die Kepler-Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften wurde 1934 gebildet, der erste KGW-Band erschien im Herbst 1937 (KGW 1, S. IX, XII). Die Euler-Edition begann mit dem Nachdruck gedruckter Schriften und stellte die Briefe zurück; die KGW stellten die „möglichst lückenlose chronologische Darstellung“ des Briefwechsels von Anfang an in ihr Programm (KGW 1, S. XI).
1.3 Die Beschaffung aus St. Petersburg
Die Russische Akademie lieh der Eulerkommission den gesamten Petersburger Euler-Nachlass; die Sendung traf im Dezember 1910 in Zürich ein (Kleinert 2024, Abschn. 1). Aus Pulkowo kamen die Kepler-Handschriften dagegen nicht als Ganzes, sondern bandweise zur Reproduktion nach München (KGW 22, S. 524; zu den Bedingungen der Ausleihe Abschnitt 2.3).
In beiden Fällen entstand ein photographisches Archiv, das neben die Originale trat. Für Euler beschloss die Kommission nach ihrem Brief an Bundesrat Motta vom Juni 1934, den gesamten Bestand photographieren und abschreiben zu lassen; das Ergebnis waren „hochwertige Photos mit weisser Schrift auf schwarzem Grund“, die heute im Bernoulli-Euler-Zentrum in Basel liegen (Kleinert 2024, Abschn. 2). Für Kepler ließ Dyck 1928–1934 Reproduktionen aller Blätter der Nachlassbände anfertigen (KGW 22, S. 524). Photostats mit weißer Schrift auf schwarzem Grund liegen auch in den Münchner Kepleriana (Dok. 4; Abschnitt 3.3).
1.4 Rückgabe und Streit
Hier unterscheiden sich die Geschichten. Ab Juni 1930 bat die Akademie der Wissenschaften der UdSSR die Eulerkommission um Rückgabe der Euler-Manuskripte. Die Kommission zögerte die Rückgabe siebzehn Jahre hinaus, fragte nach einem Ankauf, bestritt die Rechtsnachfolge der sowjetischen Akademie und bot 1946 Tauschobjekte an; übergeben wurden die Manuskripte am 15. Mai 1947 in Zürich (Kleinert 2024, Abschn. 2). Die Pulkowoer Kepler-Bände gingen nach der Reproduktion nach Pulkowo zurück (Abschnitt 2.3). Im Juli 1937 wurde der Nachlass von Pulkowo in das Leningrader Archiv der Akademie verlagert, 1942 dort restauriert und mit der Signatur Fonds 285 versehen (KGW 22, S. 524 f.).
1.5 Die Reihen
| Kepler Gesammelte Werke | Euler Opera omnia | |
|---|---|---|
| Träger | Bayerische Akademie der Wissenschaften, Kepler-Kommission (1934) | Schweizerische Naturforschende Gesellschaft, Eulerkommission (1907) |
| erster Band | 1937, Bd. 3 (KGW 1, S. XII) | 1911 (Kleinert 2024) |
| Briefe | Bd. 13–18 (Sammlung kepler-prim) |
Series IVA, ab 1975 (IVA/1, Kleinert 2024) |
| Handschriften | Bd. 20–21 (Sammlung kepler-prim) |
Series IVB, 1984 zurückgestellt (Kleinert 2024) |
| Verzeichnis | Bd. 22, Handschriftenkatalog, 2017 | Findbuch (Mattmüller, seit 2004) |
| Abschluss | 2017 (KGW 22, Impressum) | Auflösung der Eulerkommission 2022 (Kleinert 2024) |
Kleinert schließt für Euler, dass der Aufwand der Briefedition an der Schwierigkeit hing, qualifizierte und finanziell abgesicherte Herausgeber zu finden (Kleinert 2024, Abschn. 3). Für die KGW beschreibt Bialas eine Stockung nach Caspars Tod 1956, die der Tod Caspars und die „verminderte Leistungsfähigkeit Hammers infolge einer schweren Kriegsverletzung“ bedingten (KGW 20,1, S. 9).